Die Valmora Chroniken
Chronik··Aus Sicht von Vosk·📍 Skarn

Die Beute des Kargzahn

Fünf Tage nach der Schlacht riecht der Kargzahn noch nach verbranntem Horn und kaltem Rauch. In Skarn, hoch über dem Pass, wo keine Karte der Menschen mehr hinreicht, trägt man zusammen, was der Berg zurückgegeben hat. Durchschossene Panzer, in die der Donner Löcher gerissen hat, als wären sie aus Filz. Südschwerter, zu fein für die Hände, die sie gehalten haben. Und die schwarzen Rohre aus den Schmieden von Ghrol, schwer und noch immer nach Feuer stinkend – zum ersten Mal im offenen Kampf erprobt und zum ersten Mal siegreich.

Vosk lässt die Beute nicht feiern. Er lässt sie zählen. Wer im Norden zählt, statt zu prahlen, hat schon einen Krieg länger überlebt als die, die singen. Neben den Waffen kauern die wenigen Gefangenen, die man nicht im Fels zurückließ – Südländer mit leeren Augen. Einer hält sein Gesicht abgewandt und nennt seinen Namen nicht, auch nicht, als man ihm den Fuß in den Nacken setzt. Vosk mustert ihn länger als die anderen und geht dann weiter. Ein Mann, der schweigt, ist selten wertlos. Man wird später Zeit haben, aus ihm herauszuholen, was er verbirgt.

Aus Ghrol ist Threnn gekommen, vorsichtig wie immer, und sagt, was Threnns Sippe seit Generationen sagt: Man hat gesiegt, also soll man sich zurückziehen, tief in die engen Täler, ehe die Menschen im nächsten Jahr mit dem Dreifachen wiederkommen. So haben es die Sippen immer gehalten. So sind sie klein geblieben – und am Leben.

Vosk hört ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Dann deutet er auf die schwarzen Rohre. „Sie haben uns nie mit dem Dreifachen geschlagen", sagt er. „Sie haben uns geschlagen, weil wir immer weggelaufen sind, bevor der Kampf zu Ende war." Zum ersten Mal seit dem Sternenschmied, sagt er, liege ein Sieg zwischen den Sippen, groß genug, um sie zu einen – wenn nur einer sich traue, ihn zu nehmen.

Alles hängt nun an Rakhun. Mira ist gekommen, hat weder Threnn noch Vosk widersprochen, sitzt am Feuer und wägt. Ihre Sippe ist zu schwach, um allein zu bestehen, und zu stolz, um blind zu folgen. Wohin sich Rakhun neigt, dahin neigt sich der Rat. Vosk weiß es. Threnn weiß es. Und Mira weiß, dass beide es wissen.

Offene Entscheidungnoch 4 Tage 13 Std.

Vosks Weg nach dem Sieg

8. Hochsonne 297 n.G.

Vosk hat den ersten Kharg-Sieg seit Generationen errungen – doch der Vorsprung hält nicht ewig. Was tut er, bevor der Süden sich sammelt?

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Chronik··Aus Sicht von Ser Bram Draven·📍 Kargwacht

Tauben nach Süden

Noch in derselben Nacht lässt Ser Bram Draven die Boten des Klerus rufen. Die Botschaft ist kurz, verschlüsselt nach altem Muster, wie es die Kommandanten der Grenze seit Generationen kennen: Ardyn gefallen, Heer vernichtet, der Norden hält – vorerst. Drei Tauben steigen binnen einer Stunde auf, drei verschiedene Routen nach Süden, für den Fall, dass eine der Strecken der Witterung oder einem Falken zum Opfer fällt.

Bis der König in Valcortis die Nachricht in Händen hält, wird der Kargpass längst wissen, was noch keiner offiziell ausgesprochen hat.

Nebenstrang··📍 Skarn

Der Rat von Skarn

Drei Tage nach dem Kargzahn riecht Skarn noch immer nach Rauch und nassem Stein. Die Toten der Sippe sind wenige – die Menschen sind zu Hunderten gefallen, die Kharg kaum. Doch Vosk zählt nicht die Toten. Er zählt, was bleibt: eine Handvoll Donnerrohre, verrußt und schwer, und ein Fass Pulver, das nur noch halb voll ist. Was den Panzern des Südens einmal den Rücken gebrochen hat, wird kein zweites Mal reichen, wenn er es vergeudet.

Sie sind gekommen, weil er gesiegt hat. Threnn von Ghrol, das Gesicht hart wie der Fels der engen Täler, in die er sich sein Leben lang zurückgezogen hat. Mira von Rakhun, die zuhört und wenig sagt und deren Schweigen mehr wiegt als Threnns Reden. Und die Sippenlosen, Überlebende abgebrannter Dörfer, die zu Vosk stehen, weil er ihnen zum ersten Mal seit Generationen etwas gegeben hat, das sich nicht nach Flucht anfühlt.

„Zurück in die Täler", sagt Threnn. „So haben wir überlebt, als deine Großmutter noch nicht geboren war. Ein Sieg macht keinen Sommer. Der Süden wird kommen, und diesmal mit allem, was er hat." Vosk lässt ihn ausreden. Dann sagt er nur, was er seit Jahren sagt: dass Rückzug kein Überleben ist, sondern langsames Verbluten, ein Winter nach dem anderen, bis niemand mehr da ist, der sich zurückziehen kann.

Was er nicht laut sagt: Die Rohre kamen nicht aus den Schmieden der Sippe. Ein Mann von jenseits des Gebirges hat sie gebracht, hat Gold genommen und Sternmetall und dabei gelächelt wie einer, der weiß, dass er wiederkommen wird – und dass der Preis beim nächsten Mal kein Gold sein wird. Vosk hat den Handel geschlossen, ohne die anderen zu fragen. Er wird ihn wieder schließen müssen. Diesen Teil behält er für sich.

Mira sieht ihn an, als hätte sie es ohnehin geahnt. „Du willst mehr als diesen einen Sieg", sagt sie. Es ist keine Frage. Vosk nickt. Irgendwo im Fels über ihnen liegt begraben, was von Grom Sternfänger übrig ist – der Einzige, der die Sippen je geeint hat, für einen Atemzug der Geschichte. Vosk denkt nicht an Legenden. Er denkt an das nächste Jahr, und daran, dass es kein weiteres Jahr des Versteckens geben darf.

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Die Nachricht aus dem Kargzahn

7. Hochsonne 297 n.G.

Hält Ser Bram Draven die Nachricht von der gescheiterten Razzia zurück, um dem Norden einen Vorteil zu verschaffen, oder meldet er sie sofort nach Süden?

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Prolog··Aus Sicht von Corin Ardyn·📍 Kargpass

Ankunft der Überlebenden

Drei Tage später erreichen die ersten Versprengten die Nordfestung am Kargpass – ausgezehrt, halb wahnsinnig vor Erschöpfung, mit Geschichten, die sich kaum zu einem klaren Bild fügen wollen. Ser Bram Draven hört sich jeden einzelnen Bericht persönlich an, während seine Schreiber mitschreiben und seine Miene sich mit jedem Wort mehr verschließt.

Manche reden von Feuer, das aus dem Fels selbst gekommen sei. Andere von einem Donnern, das keine Lawine war. Bram lässt sie reden, ordnet nichts vorschnell ein – Männer, die dem Tod so knapp entronnen sind, erzählen selten dieselbe Geschichte zweimal. Doch was übrig bleibt, wenn man das Ungereimte beiseitelässt, ist schlimm genug: Lord Aldous Ardyn tot. Sein Sohn verschollen, vermutlich ebenfalls gefallen – der junge Lord, dem Bram vor wenigen Tagen noch "Gute Reise" gewünscht hat, an der Spitze einer Vorhut, die er kaum sechs Tage später nicht mehr wiedererkennen würde. Die Kharg siegreich wie nie zuvor.

Und unter den Überlebenden die Rede von einem Wort, das keiner laut sagen will: Verrat.

Bram Draven steht lange am Fenster seines Kommandoraums und blickt hinauf zu den Bergen, die seine Männer verschluckt haben. Er weiß, dass das, was er in der nächsten Nacht entscheidet, den Lauf der Dinge verändern wird – ganz gleich, wie er sich entscheidet.

Prolog··📍 Kargzahn

Der Hinterhalt

Es ist ein Sippenrat gegen jede Gewohnheit. Wenn die Menschen kommen, ziehen sich die Kharg zurück – in enge Täler, hinter Felsen, wo die Razzien ins Leere laufen und sich nach ein paar erschöpfenden Tagen selbst erschöpfen. So war es immer. Vosk hat sich gegen diesen Rat gestellt. Zu lange schon, hat er den Sippenoberhäuptern entgegnet, ziehe man sich zurück, nur um im nächsten Jahr wieder zu bluten. Nicht jeder folgt ihm. Genug tun es.

Der Fehler der Menschen ist klein, fast unscheinbar – eine falsch gelesene Schlucht, eine Vorhut, die zu weit vorausmarschiert, überzeugt von der eigenen Unbesiegbarkeit. Für Vosk und seine Krieger, die seit Tagen reglos in Position liegen, ist es die Öffnung, auf die sie gewartet haben.

Was dann geschieht, wird später in keinem der Berichte gleich erzählt – nur, dass es schneller ging, als irgendjemand für möglich gehalten hätte. Steine donnern von den Hängen und reißen die ersten Reihen der Vorhut auseinander. Und dann, mitten im Chaos, ein Geräusch, das keiner der Soldaten je gehört hat: ein Krachen, kein Steinschlag, kein Kriegshorn – ein Donner, der Rüstungen durchschlägt, als wären sie aus Stoff. Die neuen Feuerwaffen der Kharg-Schmieden, zum ersten Mal im offenen Kampf erprobt, treffen dort, wo Schild und Panzer bisher immer Schutz boten. Die Reihen, die sich sonst nach dem ersten Schock neu ordnen würden, finden keine Ordnung mehr.

Lord Aldous Ardyn fällt mit einem Großteil seines Heeres. Auch südliche Hauptleute bleiben in den Schluchten zurück – doch es sind vor allem die nordischen Reihen, die der Kargzahn an diesem Tag verschlingt, das Fußvolk, das Kargwacht gestellt hat. Sein Sohn Corin wird zuletzt an der Spitze der zusammenbrechenden Vorhut gesehen, das Schwert noch erhoben – dann verschluckt ihn das Chaos aus Staub, Schreien und einstürzendem Gestein.

Als sich der Rauch über dem Kargzahn legt, gehört der Tag den Kharg. Und während Vosk über das Schlachtfeld geht, weiß er: Das hier war erst der Anfang eines größeren Plans.

Prolog··📍 Kargzahn

Aufbruch in den Kargzahn

Bei Morgengrauen verlässt das Heer Valcortis. Vier Banner im Wind, viel Prunk für einen Marsch, der bald im Staub der Berge enden wird. Der Weg zum Kargzahn ist lang, doch die Stimmung bleibt gut – zu gut, wie manche der älteren Hauptleute im Stillen finden. Sie haben andere Razzien gesehen. Sie wissen, wie schnell aus Liedern Schweigen wird.

Der Zug erreicht Kargwacht, wo Ser Bram Draven die Festung hält. Hier, am nördlichen Ausgang des Passes, direkt an der Gebirgsgrenze, stößt das nordische Fußvolk zum Heer – wie es die Ordnung seit der Wahlmonarchie vorsieht: Der Süden stellt die Kommandanten, der Norden das Blut, das die Berge fordern. Bram selbst mustert die Neuankömmlinge mit dem geübten Blick eines Mannes, der zu viele Feldzüge kommen und zu wenige unversehrt zurückkehren sah. Zu Corin sagt er wenig – ein knappes "Gute Reise, mein Lord", ein Blick, der länger hängt als das Wort. Draven-Männer reden nicht viel. Sie merken sich stattdessen, was sie sehen.

Dann geht es weiter, tiefer ins Gebirge, abseits des Kargpass, dorthin, wo keine Karten mehr helfen. Corin Ardyn marschiert an der Spitze der Vorhut, entschlossen, sich vor seinem Vater und vor ganz Solmere zu beweisen. Er hat die Kharg nie kämpfen sehen. Die Männer aus dem Norden, die neben ihm gehen, haben es. Keiner von ihnen widerspricht ihm.

In den Bergen vor ihnen warten die Kharg, unsichtbar zwischen den Felsen, seit Wochen unterrichtet über jede Bewegung des Heeres, das sie für unbesiegbar halten.

Prolog··📍 Silberfurt

Das Festmahl

In den großen Hallen von Valcortis brennen die Kerzen bis tief in die Nacht. Lord Aldous Ardyn hat die Häuser Velmar, Corren und Thassil geladen, und der Wein fließt, als wäre der Sieg schon errungen. Man spricht vom Kargzahn, von den Grauen, die man endlich in die Schranken weisen wird, und von dem, was ein siegreicher Feldzug für die Thronfolge bedeuten könnte.

König Aldric III. fehlt an der hohen Tafel – zu schwach, heißt es offiziell, für eine lange Nacht des Feierns. Man spricht es nicht laut aus, doch an jedem Tisch wird gerechnet: Wenn selbst ein Bankett den König erschöpft, wie lange trägt ihn noch die Krone? Lord Berain Velmar hebt sein Glas eine Spur zu bedächtig auf "das Wohl Seiner Majestät", und Lady Miriel Corren nickt mit der stillen Feierlichkeit einer Frau, die ein Abkommen für heilig hält, das andere längst neu zu verhandeln bereit wären.

Am unteren Ende der Tafel beobachtet Lord Cassian Thassil das Geschehen mit der Ruhe eines Kaufmanns, der eine Ware taxiert. Sein Haus ist jung im Kreis der Geladenen, sein Anspruch auf mehr noch unausgesprochen – doch jeder Blick, den er zwischen Aldous und dessen Sohn wandern lässt, ist eine Rechnung. Schlägt sich Ardyn gut in dieser Razzia, festigt sich sein Anspruch auf die Krone. Schlägt er sich schlecht – nun, Häuser sind schon an kleineren Rissen zerbrochen. Sein Sohn Rendel findet noch vor dem Hauptgang einen Vorwand, sich an Verwalter Ilyan Sahren heranzumachen, der mit ruhigem Gesicht zwischen den Tischen für den reibungslosen Ablauf des Abends sorgt.

Corin Ardyn sitzt an der Seite seines Vaters, jung, ungeduldig, sichtlich stolz, zum ersten Mal ein eigenes Kommando zu führen. Später, abseits des Trubels, zieht Aldous seinen Verwalter kurz beiseite. Die Worte sind knapp: Ilyan soll sich um alles kümmern, solange er fort ist – um Elyan, um das Haus, um die niederen Häuser, die Ardyn die Treue halten. Es ist keine ungewöhnliche Anweisung vor einem Feldzug. Erst später wird man sich fragen, ob in Aldous' Blick in diesem Moment schon eine Ahnung lag.

Niemand in dieser Halle rechnet mit etwas anderem als einem kurzen, ruhmreichen Feldzug.